Leseprobe

Ein Gasthof mitten im Wald Alberdur. Ein Amulett, das niemand erkennen sollte – und ein Fremder, der es dennoch tut..

Kapitel 1 & 2 ca. 15 Minuten Lesezeit Daniele Mele

Kapitel 1

Die goldene Glocke

Es war früh, sehr früh. Emil hasste es, so früh aufzustehen, wo doch die Sonne erst ein blasses Schimmern war. Wieso musste er immer um diese Zeit wach sein? Er könnte doch seine Arbeit im Gasthof Die goldene Glocke erst später anfangen, dafür dann am Abend länger arbeiten. Wie seine Schwester. Das hat er oft seinem Vater erklärt, ihn aber nie überreden können.

Emil schlüpfte aus dem Bett und ging sich waschen. Sein Vater bestand darauf, dass er sich immer waschen musste. Auch das hasste er, da er doch bereits sechzehn Jahre alt war und selbst bestimmen sollte, ob er sich waschen wollte oder nicht. Sein Vater meinte, ein sauberer Körper öffne den Geist und gebe einen gepflegten Eindruck. So ein Schwachsinn, da er doch ständig im Dreck arbeiten musste.

Sein Zimmer war circa zehn Quadratmeter groß und sehr karg eingerichtet: ein Bett, eine kleine Kommode und ein Schrank. Mehr hatte er nicht. Obwohl es klein war, war es doch sein Refugium, ein sicherer Ort, weit entfernt vom Lärm aus der Stube des Gasthofes Die goldene Glocke.

Der Gasthof trug diesen Namen, da früher hier in einem Turm eine sehr große und prächtige Glocke aufgehängt war, so hoch, dass alle Händler und Wanderer sie von weit her sehen konnten. Ihr Läuten diente als Weckruf für den Sonntag, wodurch alle Anwohner des Dorfes Humertil geweckt wurden und der Freitag angekündigt wurde. Das aber war vor dem Imperium, als es noch viele freie Menschen gab und jedes Dorf seine Besonderheit besaß. Jetzt war nur noch ein Teil des Turms übrig – als Andenken an schönere Zeiten.

Nachdem er sich gewaschen hatte, zog Emil sein altes Gewand an. Es war einfach, aus einfachem Stoff, ohne Verzierungen oder Muster. Nur grau, schlicht. Auch die Schuhe waren einfach: Sie bestanden aus Stoff mit einer härteren Sohle, die aber nicht wirklich vor Nässe schützte. Das waren seine Arbeitskleider, einfach, aber dennoch praktisch. Bevor er sein Zimmer verließ, prüfte er immer noch mal seine Sachen. Das war für Emil eine Art Ritual, es half ihm, nichts zu vergessen: ein Block Papier, ein Stift, sein Amulett und seine Mütze. Sein Vater wollte immer, dass sie bei den Fremden und Gästen eine Mütze trugen, eine Art Identifizierung für das Personal. Sie war grau mit einer goldenen Glocke, die oben drauf gestrickt. Wieder etwas, das er nicht verstehen konnte. Auch im Sommer, wenn es warm war wie heute, wieso musste er dann die Mütze tragen?

Mit diesen Gedanken ging Emil aus seinem kleinen Zimmer zur Küche hinunter, wo seine Mutter ihn mit einem »Immer noch nicht wach?«-Blick empfing.

»Komm, mach schon, die Gäste sind bereits wach, verliere keine Zeit. Ah gut, dieses Mal hast du dich gewaschen, das ist doch mal was.«

»Ja, ja, ist gut«, erwiderte Emil durchaus noch müde. Da es bereits spät war, konnte er zum Frühstück nur ein Stück Brot nehmen und musste im Gehen essen.

Tatsächlich waren ein paar der Gäste wach und standen bereits an den Tischen. Was machen die um diese Zeit bereits auf den Beinen?, dachte Emil, der nicht verstehen konnte, wieso Menschen freiwillig so früh aufstanden.

Beim vordersten Tisch stand Altek, ein großer Mann mit breiten Schultern und circa drei Dutzend Jahre alt mit einer festen, tiefen Stimme. Es wunderte Emil eigentlich, dass Altek bereits wach war, da er doch gestern so viel getrunken und seine Schwester belästigt hatte. Das war nicht das erste Mal, bei jeder Durchreise war Altek zu Gast und hoffte insgeheim, mit Dehlia, Emils Schwester, ins Bett zu gehen.

Naja, dachte Emil, dann wird er heute abreisen, da er so früh wach ist. Zum Glück! Emil fand Altek im Ganzen sympathisch, dass er aber ständig Dehlia anschaute, gefiel ihm nicht. Er war nicht der Einzige, viele der Gäste fanden Dehlias Reize durchaus interessant. Ab und zu gab es deswegen Streitereien, es wurde aber nie übertrieben, da eine Vergewaltigung mit dem Tode bestraft wurde. Das wurde dann meistens direkt vor Ort mit einem Schwert vollzogen. Außer man war ein hochrangiger Soldat oder ein wichtiger Abgesonderter des Imperiums, dann konnte man mit den Zivilen machen, was man wollte. Oder meistens.

Der andere Gast war ein alter Mann, circa fünf Dutzend alt, schlank und groß. Er hatte immer eine Kapuze an und redete selten. Er war noch nicht lange hier, erst vor ein paar Tagen angekommen. Er setzte sich normalerweise, so wie heute, eher in den hinteren Teil des Saales.

Allgemein kamen viele Gäste zum Gasthof. Er lag an einer Biegung auf der imperialen Straße zwischen der Hauptstadt Oblivon und der zweitgrößten Stadt des Imperiums, Adelem. Der Grund dafür war die Lage: Um zwischen diesen beiden Großstädten Handel treiben zu können, mussten die Händler und Wanderer durch einen Wald hindurch, den Wald Alberdur. Dieser bot eine Art Mauer zwischen den beiden Großstädten, und die imperiale Straße führte direkt durch ihn hindurch. Den Wald zu umgehen, würde mindestens fünfzehn bis zwanzig Tage kosten, vielleicht zehn, wenn man ein schnelles Pferd hatte und motiviert war. Und er war einer der größten des Reiches. Er bestand aus Abermillionen von Bäumen jeder Art, hauptsächlich aber aus hohen gewaltigen Eichen. Das Imperium fällte bereits seit Jahren viele Bäume, der Wald war aber dennoch gewaltig. Man sagte, dass sich bereits viele Leute im Wald verliefen und nicht mehr zurückkamen. Oder dass Räuber und Banditen diesen Wald bewohnten. Deshalb nahmen fast alle den imperialen Weg und kamen somit beim Gasthof vorbei. Natürlich mussten alle Reisenden das imperiale Papier besitzen, sonst war der Zugang zu den Städten untersagt. So konnte das Imperium den Fluss von Personen kontrollieren und eingrenzen.

Der Gasthof selbst war aus einer Ruine gebaut worden, früher war Humertil eine kleine Stadt von Handwerkern, die im ganzen Land für ihre Holzarbeiten bekannt war. Sie konnten Dekorationen, Statuen und allgemeine Kunststücke aus Holz kreieren sowie Tische, Stühle und alles Mögliche. Seit das Imperium an die Macht gelangte, mussten alle Jungen von den Handwerkern ins imperiale Heer, die Armee, eintreten, da ihre Arbeit als nicht wichtig eingestuft wurde. Nur die Kinder von Holzfällern, Schmieden, Metzgern und Emil mit seiner Schwester konnten bleiben, da ihre Arbeit als notwendig erachtet wurde. Nun war Humertil ein Dorf von circa dreißig Häusern inklusive des Gasthofes, wo Holzfäller den ganzen Tag Holz für die beiden Großstädte abholzten. Sie durften auch nicht in den Gasthof gehen, das war nur den Durchreisenden erlaubt, meistens Adligen oder, wie Emils Vater sagte, Imperialen der höheren Machtstufen. Dies war auch ein Teil des imperialen Dekrets. Als das Imperium die Macht erlangte, vor circa fünfzig Jahren, war es üblich, dass Dörfer wie dieses niedergebrannt und wieder aufgebaut wurden, nach Wunsch und Vorstellung des Imperiums.

Sobald Altek Emil erblickte, sagte er mit einem heiseren Tonfall und hoffnungsvollen Augen: »Hey Junge, wo ist deine Schwester? Ist sie schon wach? Ah, egal, ich muss eh los. Komm, hol mir mein Frühstück, ich esse rasch und gehe dann.«

Gut, dachte Emil. »Sehr gern, der Herr«, gab er bescheiden zurück, »ich komme sofort mit dem Frühstück.« Emil eilte in die Küche zurück, wo bereits auch Dehlia eingetroffen war. Eigentlich noch sehr früh für sie, vielleicht konnte sie nicht gut schlafen. »Hei Del«, sagte Emil mit einem fiesen Lächeln, »Altek sucht nach dir.«

»Ich weiß«, seufzte Dehlia, »das tut er immer.«

»Du gewöhnst dich noch dran«, sagte eine starke Stimme hinter Emil. Ringurd, der Vater von Dehlia und Emil und der Besitzer des Gasthofes, war gerade vom Stall mit frischer Milch zurückgekommen. »Es ist gut, dass die Gäste dich hübsch finden, so kommen sie wieder.«

Emil und Dehlia hatten da ihre Zweifel.

Die Mutter sagte wie immer bei diesem Thema nichts. Oder nichts vor ihnen. »Hier, das Frühstück ist fast fertig, bring es zu den Gästen«, forderte die Mutter mit lauter Stimme, als wollte sie vom Thema ablenken. »Wer ist alles bereits wach?«

»Nur Altek und dieser alte komische Mann«, gab Emil zurück und zuckte dabei mit den Schultern. »Wieso ist dieser Alte bereits wach? Er muss nicht arbeiten oder weggehen. Seit er angekommen ist, steht er immer so früh auf.« Emil schüttelte verwundert den Kopf. Wieso steht man freiwillig so früh auf?

»Hier, da ist das Frühstück.« Ringurd hatte ein Glas Milch zusammen mit drei Eiern und drei Scheiben Speck auf ein Tablett gelegt. Emil nahm das Frühstück und wollte gerade gehen, als der Vater »warte!« rief. »Hast du die Mütze gut an?«, fragte er dann.

»Ja«, antwortete Emil wie jeden Tag.

»Gut, dann kannst du gehen«, meinte Ringurd, während er wieder hinaus zum Stall ging.

Und somit ging Emil seiner Arbeit nach, brachte das Frühstück, wusch die Tische und Stühle, den Boden, pflegte die Pferde der Reisenden, entsorgte die Exkremente und zwang sich, die Geschichten und Witze der Gäste mit einem interessierten Lächeln zu quittieren. Das war sein Alltag seit circa zehn Jahren. An früher konnte er sich nicht erinnern.

Er konnte ein wenig kochen, die Pferde pflegen und all diese Tätigkeiten ausführen, die ein guter Wirt zu können musste. Auch konnte er lesen und schreiben, das hatte ihm sein Vater beigebracht, damit er auch die Bedienungen und die Wünsche der Gäste aufschreiben konnte. Das war vielleicht der einzige Vorteil für das Kind eines Wirtes.

Er wollte schon immer etwas anderes machen, das war aber sein Schicksal, er hatte keine Wahl. Allgemein konnte man beim Imperium nicht auswählen, was man machen wollte. Was der Vater tat, mussten auch die Kinder machen. Nur die Adligen konnten die Arbeit auswählen, obwohl Emil sich da nicht so sicher war, ob sie überhaupt arbeiteten. Wenn eine Arbeit aufgrund der Härte oder der geforderten Fähigkeiten von einem Kind nicht ausgeführt werden konnte oder die Tätigkeit als nicht wichtig eingestuft wurde, dann wurde das Kind zum Imperium geschickt. Oder das Imperium nahm das Kind einfach zu sich. Dadurch wurden viele Arbeiten nicht mehr ausgeführt, da das Wissen nicht weitergegeben wurde.

Am Abend, als die Sonne fast wieder verschwunden war, war Emils Arbeit zu Ende. Dehlia übernahm dann meistens das Bedienen der Gäste. Emil ging also müde wieder in sein Zimmer und kratzte noch ein wenig an einem Stück Holz, das er irgendwann im Wald gefunden hatte. Er fand die Idee, aus Holz Figuren zu machen, immer faszinierend und beruhigend zugleich. Ab und zu kam es ihm vor, als ob das Holz sogar zu ihm sprach. Einmal hatte er einen Vogel geschnitzt, weil das Material es irgendwie so wollte.

Sein Vater aber mochte die Schnitzereien nie und hatte ihm verboten, sie zu zeigen. Naja, wie mit allem, was Emil erschuf oder interessierte. Deshalb war er auch gerne im Wald, dort fühlte er sich frei und akzeptiert.

Nach dem Schnitzen schaute er noch ein wenig aus dem Fenster zum Wald, vielleicht erhaschte er einen Blick auf eine Eule oder einen Fuchs. Der Wald war aber still. Nichts regte sich. Naja, vielleicht morgen, dachte er sich und legte sich hin. Hoffentlich konnte er diese Nacht bald einschlafen, da er doch morgen wieder so früh aufstehen musste.

Kapitel 2

Der alte Mann

Die nächsten Wochen blieben im Wesentlichen gleich. Es kamen ein paar neue Gäste, meistens Händler, ab und zu ein oder zwei Soldaten, die dann meistens dienstfrei hatten und sehr wahrscheinlich auf der Reise weg von der Hauptstadt waren. Auch kamen ein paar Adlige, die auf Kutschen nach Jolenur unterwegs waren. Dort sollte es einen sehr schönen Seestrand geben, wo viele ihre Sommerzeit genossen.

Am sechsten Tag, als die Sonne bereits untergegangen und Emil am Ende seiner Arbeit war und sich auf eine gute Portion Schnitzarbeit in seinem Zimmer freute, hatte ein leicht betrunkener Gast angefangen, all seine Probleme zu erzählen. Er redete etwas über Zölle und Steuern des Imperiums, dass es schwierig war, Handel zu treiben und dass seine Frau ihn bereits hasste und sehr wahrscheinlich auch betrog. Während Emil zuhörte und so tat, als ob ihn das alles interessieren würde, spielte er gedankenverloren mit seinem Amulett. Das Amulett war schon immer ein Teil von ihm gewesen. Er wusste gar nicht, wie er es bekommen hatte. Es war einfach ein grüner Stein mit einem goldenen Symbol obendrauf. Das Symbol war eine Art Rune, es waren zwei Linien in einem Kreis, die oben schmal waren, um sich unten wieder zu vergrößern. Es war nicht viel wert, aber es war sein Amulett. Es war sein Schatz. Sein Vater sagte, es sei ein Amulett und dass er es gut bewahren sollte. Das tat er auch.

Als er das Amulett so in den Händen hielt, bemerkte er eine Bewegung des alten Mannes, der wieder mal ganz in der Ecke am Essen war. Der Gasthof selbst war nicht sehr groß, die Stube maß circa achtzig Quadratmeter. Emil stand mit dem betrunkenen Gast in der Mitte, so konnte der alte Mann ihn gut sehen. Instinktiv legte er das Amulett wieder in die Tasche und versuchte sich nun dem Gast zu entziehen, als der alte Mann sich räusperte.

»Hey Junge, komm doch bitte hierher«, sagte er mit einer überraschend kräftigen Stimme. »Von wo hast du diesen Stein?«, sagte er, nachdem Emil sich argwöhnisch genähert hatte. Mit dem Finger zeigte er auf Emils Hosentasche, wo er das Amulett versteckt hatte.

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, sagte Emil vorsichtig.

»Oh doch, du weißt genau, was ich meine«, entgegnete der alte Mann und schaute ihm direkt in die Augen.

Emil wusste nicht, was er antworten sollte.

»Wie alt bist du, Junge?«

»Sechzehn, Herr.«

»Du siehst aber jünger aus.«

»Ja, das sagen mir viele Leute.«

»Bist du hier geboren?«, fragte er weiter.

»Ich denke schon«, antwortete Emil, langsam verärgert über diese unverhohlene Neugier. Wieso stellte der so viele Fragen?

»Hmm.« Der Alte schien in Gedanken versunken zu sein. Als Emil sich heimlich davonschleichen wollte, begann er wieder zu reden: »Komm, hilf mir aufzustehen.«

Emil kam wieder näher und half ihm.

»Ich bin ein alter Mann, ab und zu brauche ich Hilfe von euch Jungen.« Mit einem Auge zwinkerte er Emil zu. »Mein Name ist Brendon.«

»Emil«, antwortete dieser. Zusammen gingen sie durch die Stube, der Alte mit einem Arm auf Emils Schulter. Er fand das Ganze ein wenig seltsam, da der alte Mann bis jetzt durchaus hatte selbst gehen können.

»Gut, hier kann ich wieder selbst laufen«, sagte der alte Mann bei der ersten Stufe zu der Treppe in die obere Etage, wo die Übernachtungszimmer waren.

»Wie Sie wünschen, Herr«, sagte Emil und ließ ihn los. In diesem Moment stürzte der alte Mann und riss, wie um sich festzuhalten, die Mütze von Emils Kopf. Der reagierte sofort und fing den alten Mann wieder auf, der entschuldigend die Mütze wieder zurückgab und müde lächelte.

»Bitte entschuldige, ich bin ein alter Mann und habe nicht mehr die Reflexe eines Jungen.«

»Kein Problem, Herr, ist mir eine Ehre, Ihnen zu helfen«, antwortete Emil und half ihm aufzustehen.

»Mag sein«, meinte der alte Mann und ging langsam die Treppe hinauf.

Emil hatte bereits genügend Zeit mit den Gästen verloren. Er verabschiedete sich von allen mit einer Verbeugung und ging weg von der Stube. Dabei dachte er nochmals über das Geschehene nach. Als der alte Mann ihm die Mütze zurückgab, hatten seine Augen für einen kleinen Moment einen komischen Ausdruck. Wie wenn er ihn erst jetzt zum ersten Mal wahrgenommen hätte. Alte Männer sind schon komisch, schlussfolgerte Emil und ging in die Küche, wo seine Mutter gerade mit Dehlia über ihren kurzen Rock am Streiten war.

Die Wochen gingen vorüber. Der Sommer mit seinen warmen Temperaturen unterstützte den Handel und brachte viele Gäste. So verbrachte Emil viel Zeit im Gasthof und wenig im Wald oder mit seinen Schnitzarbeiten, da er im Zimmer sehr oft erschöpft einschlief.

Und so kam der Herbst, der viel Regen und immer tiefere Temperaturen mit sich brachte.

An einem Sonntag, der für die Jahreszeit doch ziemlich kalt war und an dem wenige Händler unterwegs waren, hatte Emil frei und ging für ein paar Stunden in den Wald. Das liebte er. Er stieg dann immer auf eine hohe Eiche, wo er oben eine Art Ebene gebaut hatte: ein paar flache Holzstücke zusammengebunden mit einem Seil. Er hatte diese Stelle durch Zufall entdeckt und es schien, dass die Äste dafür gewachsen waren, um ein Brett zu tragen. Der Baum war hoch, er konnte aber gut klettern. Sehr gut sogar. Er war leicht, dünn, hatte aber für seine Figur ziemlich viel Kraft. Oben auf der Platte liebte er es, den Geräuschen des Waldes zuzuhören. Das Rascheln der Blätter, das Pfeifen des Windes, das Zwitschern der Vögel. Ab und zu, das glaubte er zumindest, war es sogar, als ob die Bäume zu ihm sprachen, seinen Namen ganz leise riefen. Das war aber sicher seine Vorstellung, das passierte meistens, wenn er schon lange im Wald war. Dann war es Zeit zurückzukehren.

Diesen Sonntag wehte ein leichter, kalter Wind von Nordosten, der die Blätter noch stärker rascheln ließ. So schön ist doch der Wald – die Bäume, die Tiere, der Wind. Hier konnte er richtig entspannen.

»Hei Junge, komm runter!«

Eine kräftige Stimme riss Emil aus seinen Gedanken. Wer war das? Niemand kannte sein Versteck. Nicht einmal sein Vater.

Emil streckte seinen Kopf über den Rand der Platte nach unten, um zu sehen, wer es wagte, seinen Frieden zu stören. Er erblickte den alten Mann, Brendon. Wie kam der hierher nach all den Wochen?

»Sie können ja laufen«, rief Emil provokativ von oben zurück. »Was wollen Sie hier?« »Herr«, fügte Emil noch hinzu, um nicht allzu unhöflich zu sein.

»Ich möchte mich ein wenig mit dir unterhalten«, sagte der alte Mann, »und dir eine Geschichte erzählen, die dich interessieren könnte.«

»Das denke ich nicht«, grummelte Emil und schob seinen Kopf wieder vom Rand weg. »Sie kennen mich nicht und wissen nicht, was mir gefällt.«

»Das stimmt, dennoch ist sie interessant«, gab der alte Mann von unten zurück. »Ich warte hier und zünde mir derweilen meine Pfeife an.«

Emil blieb noch ein wenig oben, bis er den Rauch von der Pfeife aufsteigen sah. Es stank fürchterlich, wie brennendes Gras mit einem unbekannten Aroma. Lange konnte er dies nicht aushalten, begann hinunterzuklettern und landete vor dem alten Mann, der inzwischen seine Kapuze zurückgezogen hatte und freundlich seine Pfeife rauchte. Den Mantel hatte er immer noch an, er wirkte aber nicht gefährlich, sondern im Gegenteil vertrauenswürdig.

»Also gut, was ist das für eine Geschichte?«, fragte Emil. Seine Neugier hatte schließlich gewonnen.

»Komm, setz dich, ich erzähle sie dir.«

»Als Erstes wurden die Berge gebaut. Danach wurden die Täler und die Landschaften mit Wasser überschüttet. Aus dem Wasser entstand das Leben. Das ist der Ursprung der Welt, die wir heute kennen. Die ersten Tiere waren riesig, aber nicht geeignet, um zu überleben. Nur ein paar davon haben es bis heute geschafft, die meisten sind vor langer Zeit ausgestorben.«

Die Sonne ging langsam hinter den Baumwipfeln unter, was die ganze Landschaft in ein unheimliches rotes Licht tauchte.

»Was waren das für Tiere?«, fragte Emil neugierig. Er hatte es sich in der Zwischenzeit am Boden bequem gemacht. Der alte Mann hatte etwas Seltsames und Beruhigendes in seiner Stimme, das ihn aufmerksam und neugierig zuhören ließ.

»Große Eidechsen, Riesenschlangen. Solche Arten von Tieren. Die sind aber inzwischen zur Asche geworden.«

»Welche haben dann überlebt?«, fragte Emil prompt nach, der sich riesige Schlangen vorstellte, die ihn und seine Schwester anzischten.

»Drachen«, antwortete Brendon. »Drachen haben überlebt, wenn auch nur noch sehr, sehr wenige.«

Emil wollte sich gerade über die Existenz der Drachen lustig machen, als der alte Mann ihn mit einer Hand zum Schweigen zwang. »Bitte lass mich weiterreden, sonst kommen wir nie zum Schluss. Es wird allmählich dunkel.«

»Gut«, murmelte Emil.

»Also«, führte Brendon weiter aus, »es gab viele Tiere. Nach den Tieren kamen die ersten denkenden Lebewesen: die Elfen.«

»Die was?«, unterbrach Emil, der sofort beide Hände vor seinen Mund hielt und einen bösen Blick von Brendon abbekam.

»Elfen. Es sind Lebewesen wie du und ich. Nur hatten sie magische Fähigkeiten, oder besser, sie hatten die Fähigkeit, Magie zu beschreiben.« Er blickte zu Emil in der Erwartung, wieder unterbrochen zu werden. Der schwieg jedoch brav und hörte mit großen Augen zu. »Es gab vier Arten: die Elfen der Bäume, die Elfen des Wassers, die Elfen der Erde und die Elfen der Sonne. Sie alle hatten die Fähigkeit, eines der Elemente zu beherrschen, zu formen und zu manipulieren. Weiter konnten sie zusätzliche Dinge bewerkstelligen, die den Menschen nicht möglich waren.

Die Elfen der Bäume gestalteten die Wälder, diejenigen des Wassers die Meere und Seen, diejenigen der Erde die Ebenen und Gebirge und diejenigen der Sonne das Leben der Tiere und der Natur. Die mächtigsten waren die der Sonne, da sie alle vier Elemente zu beherrschen lernten. Sie waren meistens aber auch diejenigen, welche nach Macht trachteten, da sie diese Fähigkeit, alle Elemente zu beherrschen, mit Überlegenheit verbanden. So kam es immer wieder zu Kriegen, bis sie sich gegenseitig fast ausgelöscht hatten.

Danach kamen alle Stämme zusammen und gründeten einen Pakt: Die Elfen der Bäume lebten nur noch im Wald, die des Wassers in den Seen und Meeren, die der Erde auf den Gebirgen und Hügeln und die der Sonne in den Ebenen und Wiesen. So herrschte wieder Frieden, aber keine Einheit der Völker mehr, sondern es waren unabhängige Stämme, also jeder blieb für sich, ohne Notiz von den anderen zu nehmen. – Dann kamen die Menschen.«

Brendon machte eine Pause. Die Sonne war inzwischen fast versunken, nur noch wenige Lichtstreifen waren zu sehen. Ruhe trat ein, nur die Geräusche des Waldes waren zu hören.

»Kennst du die Geschichte des Imperiums?«, fragte plötzlich der alte Mann und unterbrach die eingetretene Stille.

»Ja, also so ungefähr«, antwortete Emil benommen. Er war immer noch gedankenverloren bei den Elfen. »Es heißt, dass ein Mann die Macht an sich riss, um für Ordnung und Frieden zu sorgen …«

»Ist das alles?« Der alte Mann zog eine Augenbraue hoch. »Das ist nicht ungefähr, sondern das ist nichts. Du kennst die Geschichte des Imperiums überhaupt nicht.«

»Ja, wir reden auch nicht viel darüber bei uns«, entgegnete Emil ein wenig beleidigt.

»Gut«, fuhr Brendon fort, »ich erzähle dir das Entstehen des Imperiums. Vor dem Imperium lebten Menschen zusammen mit den Elfen. Da der Mensch sich viel häufiger reproduzierte als die Elfen und durch seine Instinkte geleitet wird, wuchs die Anzahl der Menschen viel schneller als die der Elfen. Die Menschen begannen die Wälder abzuholzen, die Meere und Seen zu durchqueren und zu beschmutzen, die Ebenen zu besiedeln. Hoch im Norden kam sogar ein neues Volk hinzu. Viele der Elfen wurden zurückgedrängt, da sie eine Minderheit darstellten und weil dieses schöne Volk – so wurden sie auch genannt – sich ja gegenseitig isolierte.

Die Elfen wurden also immer weniger und die Menschen immer mehr. Bis zum Wendepunkt.«

Wieder eine Pause. Dieses Mal war sie länger, Emil befürchtete, dass der alte Mann eingeschlafen war. Als er gerade nachfragen wollte, räusperte sich Brendon wieder. Seine Stimme hatte sich verändert: Sie war rauer, bissiger geworden, als ob er etwas Abscheuliches gegessen hätte.

»Sie nannten es die Purifikation. Als der Imperator an die Macht kam, wurden alle Elfen eliminiert. Alle, keine Ausnahme: Kinder, Frauen und Männer. Alle, nur weil sie anders waren und eine Bedrohung für den Imperator darstellten.«

Inzwischen war es dunkel geworden. Die nächtlichen Geräusche des Waldes wurden lauter.

»Sie meinen, die Elfen wurden durch das Imperium ausgelöscht?«, fragte Emil, der das nicht verstehen konnte. Wie konnte man ein ganzes Volk auslöschen?

»Ja, das meine ich. Die Elfen waren hochmütig, haben sich isoliert und die Gefahr durch den Menschen nicht erkannt. Auch war ihre Magie nicht für den Krieg konzipiert, sondern eigentlich für das gemeinsame Leben, für das Erschaffen. Sie hatten wegen der Überzahl der Menschen keine Chance zu überleben, da sie nie gedacht hätten, dass die Menschen sie angreifen würden. Wie dumm von ihnen.« Brendon schaute nun nach oben, zu dem dunkel werdenden Himmel.

»Aber, wenn das wahr ist, wieso weiß man das denn nicht?«, fragt Emil nach. »Das sollte doch überall bekannt sein, wenn das Imperium ein ganzes Volk eliminiert hat.«

»Ah, gute Frage, Junge, endlich denkst du mit. Das Imperium erlaubt nicht, dass man von Elfen redet. Wenn ein Imperialer hört, dass du nur aus Versehen das Wort Elf benutzt, darf er dich sofort exekutieren. Deshalb wurde diese abscheuliche Tat vergessen, da alle Angst hatten, es offen zu sagen. Und viele hatten auch vor der Purifikation noch nie einen Elf gesehen, sie glaubten sowieso nicht an ihre Existenz. Die Geschichte kann man aber nicht ganz auslöschen. Weißt du, wie die Elfen in ihrer Sprache genannt waren?«

Emil schüttelte den Kopf.

»Em«, gab Brendon zurück. »Em war das elfische Wort für Elf. Heute noch existieren Städte, die von Elfen erbaut wurden. Alle Städte, die mit … em enden.«

»Wie Adelem?« Emil konnte nicht glauben, dass die zweitgrößte Stadt des Imperiums eine Elfenstadt war.

»Genau«, Brendon nickte zufrieden. »Das Imperium hat zwar fast alles Elfische zerstört, wenn man aber genau hinschaut, können deren Spuren erkannt werden.« Er nahm einen langen Zug aus seiner Pfeife.

Emil dachte nach. »Wieso erklären Sie mir diese Geschichte?«, fragte er. Wenn es so gefährlich war, über Elfen zu reden, wieso tat er das? »Riskieren Sie so nicht ebenfalls den Tod?«

»Ja, das stimmt, aber du musst diese Geschichte kennen.« Brendon schaute ihm direkt in die Augen. »Du musst verstehen, wie böse das Imperium ist.«

»Wieso?« Emil blickte ebenfalls in Brendons dunkle Augen.

»Weil du einer von ihnen bist, du bist einer der wenigen, vielleicht der letzte, noch lebende Em.«

Die Leseprobe endet hier

Die Sprache der Welt

Ein Junge, der gerade erfahren hat, dass er ein Em ist – vielleicht der Letzte seiner Art. Ein alter Mann, der zu viel weiß. Ein Imperium, das jedes gesprochene Wort Elf mit dem Tod bestraft. Wie geht es weiter mit Emil? Daniele Mele erzählt die ganze Geschichte in seinem Debütroman.

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