Kapitel 1
Die goldene Glocke
Es war früh, sehr früh. Emil hasste es, so früh aufzustehen, wo doch die Sonne erst ein blasses Schimmern war. Wieso musste er immer um diese Zeit wach sein? Er könnte doch seine Arbeit im Gasthof Die goldene Glocke erst später anfangen, dafür dann am Abend länger arbeiten. Wie seine Schwester. Das hat er oft seinem Vater erklärt, ihn aber nie überreden können.
Emil schlüpfte aus dem Bett und ging sich waschen. Sein Vater bestand darauf, dass er sich immer waschen musste. Auch das hasste er, da er doch bereits sechzehn Jahre alt war und selbst bestimmen sollte, ob er sich waschen wollte oder nicht. Sein Vater meinte, ein sauberer Körper öffne den Geist und gebe einen gepflegten Eindruck. So ein Schwachsinn, da er doch ständig im Dreck arbeiten musste.
Sein Zimmer war circa zehn Quadratmeter groß und sehr karg eingerichtet: ein Bett, eine kleine Kommode und ein Schrank. Mehr hatte er nicht. Obwohl es klein war, war es doch sein Refugium, ein sicherer Ort, weit entfernt vom Lärm aus der Stube des Gasthofes Die goldene Glocke.
Der Gasthof trug diesen Namen, da früher hier in einem Turm eine sehr große und prächtige Glocke aufgehängt war, so hoch, dass alle Händler und Wanderer sie von weit her sehen konnten. Ihr Läuten diente als Weckruf für den Sonntag, wodurch alle Anwohner des Dorfes Humertil geweckt wurden und der Freitag angekündigt wurde. Das aber war vor dem Imperium, als es noch viele freie Menschen gab und jedes Dorf seine Besonderheit besaß. Jetzt war nur noch ein Teil des Turms übrig – als Andenken an schönere Zeiten.
Nachdem er sich gewaschen hatte, zog Emil sein altes Gewand an. Es war einfach, aus einfachem Stoff, ohne Verzierungen oder Muster. Nur grau, schlicht. Auch die Schuhe waren einfach: Sie bestanden aus Stoff mit einer härteren Sohle, die aber nicht wirklich vor Nässe schützte. Das waren seine Arbeitskleider, einfach, aber dennoch praktisch. Bevor er sein Zimmer verließ, prüfte er immer noch mal seine Sachen. Das war für Emil eine Art Ritual, es half ihm, nichts zu vergessen: ein Block Papier, ein Stift, sein Amulett und seine Mütze. Sein Vater wollte immer, dass sie bei den Fremden und Gästen eine Mütze trugen, eine Art Identifizierung für das Personal. Sie war grau mit einer goldenen Glocke, die oben drauf gestrickt. Wieder etwas, das er nicht verstehen konnte. Auch im Sommer, wenn es warm war wie heute, wieso musste er dann die Mütze tragen?
Mit diesen Gedanken ging Emil aus seinem kleinen Zimmer zur Küche hinunter, wo seine Mutter ihn mit einem »Immer noch nicht wach?«-Blick empfing.
»Komm, mach schon, die Gäste sind bereits wach, verliere keine Zeit. Ah gut, dieses Mal hast du dich gewaschen, das ist doch mal was.«
»Ja, ja, ist gut«, erwiderte Emil durchaus noch müde. Da es bereits spät war, konnte er zum Frühstück nur ein Stück Brot nehmen und musste im Gehen essen.
Tatsächlich waren ein paar der Gäste wach und standen bereits an den Tischen. Was machen die um diese Zeit bereits auf den Beinen?, dachte Emil, der nicht verstehen konnte, wieso Menschen freiwillig so früh aufstanden.
Beim vordersten Tisch stand Altek, ein großer Mann mit breiten Schultern und circa drei Dutzend Jahre alt mit einer festen, tiefen Stimme. Es wunderte Emil eigentlich, dass Altek bereits wach war, da er doch gestern so viel getrunken und seine Schwester belästigt hatte. Das war nicht das erste Mal, bei jeder Durchreise war Altek zu Gast und hoffte insgeheim, mit Dehlia, Emils Schwester, ins Bett zu gehen.
Naja, dachte Emil, dann wird er heute abreisen, da er so früh wach ist. Zum Glück! Emil fand Altek im Ganzen sympathisch, dass er aber ständig Dehlia anschaute, gefiel ihm nicht. Er war nicht der Einzige, viele der Gäste fanden Dehlias Reize durchaus interessant. Ab und zu gab es deswegen Streitereien, es wurde aber nie übertrieben, da eine Vergewaltigung mit dem Tode bestraft wurde. Das wurde dann meistens direkt vor Ort mit einem Schwert vollzogen. Außer man war ein hochrangiger Soldat oder ein wichtiger Abgesonderter des Imperiums, dann konnte man mit den Zivilen machen, was man wollte. Oder meistens.
Der andere Gast war ein alter Mann, circa fünf Dutzend alt, schlank und groß. Er hatte immer eine Kapuze an und redete selten. Er war noch nicht lange hier, erst vor ein paar Tagen angekommen. Er setzte sich normalerweise, so wie heute, eher in den hinteren Teil des Saales.
Allgemein kamen viele Gäste zum Gasthof. Er lag an einer Biegung auf der imperialen Straße zwischen der Hauptstadt Oblivon und der zweitgrößten Stadt des Imperiums, Adelem. Der Grund dafür war die Lage: Um zwischen diesen beiden Großstädten Handel treiben zu können, mussten die Händler und Wanderer durch einen Wald hindurch, den Wald Alberdur. Dieser bot eine Art Mauer zwischen den beiden Großstädten, und die imperiale Straße führte direkt durch ihn hindurch. Den Wald zu umgehen, würde mindestens fünfzehn bis zwanzig Tage kosten, vielleicht zehn, wenn man ein schnelles Pferd hatte und motiviert war. Und er war einer der größten des Reiches. Er bestand aus Abermillionen von Bäumen jeder Art, hauptsächlich aber aus hohen gewaltigen Eichen. Das Imperium fällte bereits seit Jahren viele Bäume, der Wald war aber dennoch gewaltig. Man sagte, dass sich bereits viele Leute im Wald verliefen und nicht mehr zurückkamen. Oder dass Räuber und Banditen diesen Wald bewohnten. Deshalb nahmen fast alle den imperialen Weg und kamen somit beim Gasthof vorbei. Natürlich mussten alle Reisenden das imperiale Papier besitzen, sonst war der Zugang zu den Städten untersagt. So konnte das Imperium den Fluss von Personen kontrollieren und eingrenzen.
Der Gasthof selbst war aus einer Ruine gebaut worden, früher war Humertil eine kleine Stadt von Handwerkern, die im ganzen Land für ihre Holzarbeiten bekannt war. Sie konnten Dekorationen, Statuen und allgemeine Kunststücke aus Holz kreieren sowie Tische, Stühle und alles Mögliche. Seit das Imperium an die Macht gelangte, mussten alle Jungen von den Handwerkern ins imperiale Heer, die Armee, eintreten, da ihre Arbeit als nicht wichtig eingestuft wurde. Nur die Kinder von Holzfällern, Schmieden, Metzgern und Emil mit seiner Schwester konnten bleiben, da ihre Arbeit als notwendig erachtet wurde. Nun war Humertil ein Dorf von circa dreißig Häusern inklusive des Gasthofes, wo Holzfäller den ganzen Tag Holz für die beiden Großstädte abholzten. Sie durften auch nicht in den Gasthof gehen, das war nur den Durchreisenden erlaubt, meistens Adligen oder, wie Emils Vater sagte, Imperialen der höheren Machtstufen. Dies war auch ein Teil des imperialen Dekrets. Als das Imperium die Macht erlangte, vor circa fünfzig Jahren, war es üblich, dass Dörfer wie dieses niedergebrannt und wieder aufgebaut wurden, nach Wunsch und Vorstellung des Imperiums.
Sobald Altek Emil erblickte, sagte er mit einem heiseren Tonfall und hoffnungsvollen Augen: »Hey Junge, wo ist deine Schwester? Ist sie schon wach? Ah, egal, ich muss eh los. Komm, hol mir mein Frühstück, ich esse rasch und gehe dann.«
Gut, dachte Emil. »Sehr gern, der Herr«, gab er bescheiden zurück, »ich komme sofort mit dem Frühstück.« Emil eilte in die Küche zurück, wo bereits auch Dehlia eingetroffen war. Eigentlich noch sehr früh für sie, vielleicht konnte sie nicht gut schlafen. »Hei Del«, sagte Emil mit einem fiesen Lächeln, »Altek sucht nach dir.«
»Ich weiß«, seufzte Dehlia, »das tut er immer.«
»Du gewöhnst dich noch dran«, sagte eine starke Stimme hinter Emil. Ringurd, der Vater von Dehlia und Emil und der Besitzer des Gasthofes, war gerade vom Stall mit frischer Milch zurückgekommen. »Es ist gut, dass die Gäste dich hübsch finden, so kommen sie wieder.«
Emil und Dehlia hatten da ihre Zweifel.
Die Mutter sagte wie immer bei diesem Thema nichts. Oder nichts vor ihnen. »Hier, das Frühstück ist fast fertig, bring es zu den Gästen«, forderte die Mutter mit lauter Stimme, als wollte sie vom Thema ablenken. »Wer ist alles bereits wach?«
»Nur Altek und dieser alte komische Mann«, gab Emil zurück und zuckte dabei mit den Schultern. »Wieso ist dieser Alte bereits wach? Er muss nicht arbeiten oder weggehen. Seit er angekommen ist, steht er immer so früh auf.« Emil schüttelte verwundert den Kopf. Wieso steht man freiwillig so früh auf?
»Hier, da ist das Frühstück.« Ringurd hatte ein Glas Milch zusammen mit drei Eiern und drei Scheiben Speck auf ein Tablett gelegt. Emil nahm das Frühstück und wollte gerade gehen, als der Vater »warte!« rief. »Hast du die Mütze gut an?«, fragte er dann.
»Ja«, antwortete Emil wie jeden Tag.
»Gut, dann kannst du gehen«, meinte Ringurd, während er wieder hinaus zum Stall ging.
Und somit ging Emil seiner Arbeit nach, brachte das Frühstück, wusch die Tische und Stühle, den Boden, pflegte die Pferde der Reisenden, entsorgte die Exkremente und zwang sich, die Geschichten und Witze der Gäste mit einem interessierten Lächeln zu quittieren. Das war sein Alltag seit circa zehn Jahren. An früher konnte er sich nicht erinnern.
Er konnte ein wenig kochen, die Pferde pflegen und all diese Tätigkeiten ausführen, die ein guter Wirt zu können musste. Auch konnte er lesen und schreiben, das hatte ihm sein Vater beigebracht, damit er auch die Bedienungen und die Wünsche der Gäste aufschreiben konnte. Das war vielleicht der einzige Vorteil für das Kind eines Wirtes.
Er wollte schon immer etwas anderes machen, das war aber sein Schicksal, er hatte keine Wahl. Allgemein konnte man beim Imperium nicht auswählen, was man machen wollte. Was der Vater tat, mussten auch die Kinder machen. Nur die Adligen konnten die Arbeit auswählen, obwohl Emil sich da nicht so sicher war, ob sie überhaupt arbeiteten. Wenn eine Arbeit aufgrund der Härte oder der geforderten Fähigkeiten von einem Kind nicht ausgeführt werden konnte oder die Tätigkeit als nicht wichtig eingestuft wurde, dann wurde das Kind zum Imperium geschickt. Oder das Imperium nahm das Kind einfach zu sich. Dadurch wurden viele Arbeiten nicht mehr ausgeführt, da das Wissen nicht weitergegeben wurde.
Am Abend, als die Sonne fast wieder verschwunden war, war Emils Arbeit zu Ende. Dehlia übernahm dann meistens das Bedienen der Gäste. Emil ging also müde wieder in sein Zimmer und kratzte noch ein wenig an einem Stück Holz, das er irgendwann im Wald gefunden hatte. Er fand die Idee, aus Holz Figuren zu machen, immer faszinierend und beruhigend zugleich. Ab und zu kam es ihm vor, als ob das Holz sogar zu ihm sprach. Einmal hatte er einen Vogel geschnitzt, weil das Material es irgendwie so wollte.
Sein Vater aber mochte die Schnitzereien nie und hatte ihm verboten, sie zu zeigen. Naja, wie mit allem, was Emil erschuf oder interessierte. Deshalb war er auch gerne im Wald, dort fühlte er sich frei und akzeptiert.
Nach dem Schnitzen schaute er noch ein wenig aus dem Fenster zum Wald, vielleicht erhaschte er einen Blick auf eine Eule oder einen Fuchs. Der Wald war aber still. Nichts regte sich. Naja, vielleicht morgen, dachte er sich und legte sich hin. Hoffentlich konnte er diese Nacht bald einschlafen, da er doch morgen wieder so früh aufstehen musste.